Magda Gerber lernte die Arbeit von Emmi Pikler als betroffene Mutter kennen und war von der Art und Weise, wie diese sich ihrer Tochter widmete, so angetan, daß sie sich auch nachdem ihre Kinder schon größer waren, intensiv mit dem Lóczy und seinem Ansatz zum Leben mit Säuglingen und Kleinkindern auseinandersetzte.
Später wanderte sie nach Amerika aus und auch dort widmete sie sich weiter ihrem neuen Interessengebiet und half einem Kinderarzt bei der Etablierung eines Programms für entwicklungsverzögerte Kinder. Aus dieser Erfahrung heraus gründete sie schließlich gemeinsam mit demselben Kinderarzt die Organisation,,Resources for Infant Educarers” (RIE), die eine Form von Mutter-Kind-Gruppen entwikkelt hat, in denen sie die grundlegenden Erkenntnisse von Dr. Emmi Pikler an interessierte Eltern weitergibt.
Brief English translation: A serendipitous meeting between Magda Gerber and Dr. Emmi Pikler resulted in a lifelong working partnership and friendship, and Magda’s dedication to respectful infant care plus the forming of Resources for Infant Educarers (RIE).
Ich erinnere mich immer noch an meine erste Reaktion nach der Geburt meiner Tochter. Ich war erstaunt, wie schwer es war, Mutter zu sein. Ich war wütend. Warum hatte mich niemand darauf vorbereitet? Ich hatte das Gefühl, die einzige zu sein, die nicht weiß, wie sie mit einem Baby umgehen soll, und irgendwie hatte man bei meiner Erziehung vergessen, es mir zu sagen. Kommt Ihnen das bekannt vor?
Elternsein ist eine äußerst schwierige Aufgabe, auf die man sich nicht wirklich vorbereiten kann. Können wir sie leichter machen? Meine Antwort lautet Ja.
Wie? indem wir nicht versuchen, unmögliches zu tun, während wir das versäumen, was auf der Hand liegt.
Erfreuen Sie sich mehr an Ihrem Baby, arbeiten Sie weniger
Beim RIE fordern wir Eltern dazu auf, sich in Ruhe und gelassen ihrem Baby zuzuwenden, zu beobachten und sich an dem zu freuen, was ihr Baby gerade tut, und dabei neue Fähigkeiten wahrzunehmen und sich daran zu freuen, wie es sich auf natürliche Weise entwickelt.
Die Aufgabe der Eltern besteht darin, für eine sichere und zuverlässige Umgebung zu sorgen. Sie müssen ein Gespür für die sich verändernden Bedürfnisse ihres Kindes entwickeln; das Kind muß Ihre fürsorgliche Präsenz spüren. Aber Sie müssen ihm nichts. beibringen. Sie brauchen nicht mehr Dinge zu kaufen. Sie und Ihr Kind können einfach dasein und sich aneinander freuen, während sich Ihre Beziehung entwickelt.
Das Irreführende daran ist, daß es so leicht klingt. Aber das ist es nicht, und zwar, weil wir in unserer Gesellschaft mit Botschaften bombardiert werden, dieses zu kaufen und den Kindern jenes beizubringen..
Wie beeindruckend eine Philosophie der Kleinkinderziehung auch klingen mag, sie in Situationen des Alltags anzuwenden ist etwas völliganderes. Es fällt schwer zu glauben, daß man zu besseren Eltern werden kann, indem man einfach nur sitzt und schaut. Unser Motto ist jedoch: ,,Beobachte mehr, tue weniger.” Wenn wir Eltern dazu auffordern, diese andere Art Eltern zu sein anzunehmen, verlangen wir eine Menge.
Wenn ich Eltern berate, dann beziehe ich Prinzipien ein, die von Dr. Emmi Pikler angewendet wurden, neben solchen, die ich selbst entwickelt habe. Ich stelle Information zur Verfügung und Eltern machen Gebrauch davon, wenn sie dazu bereit sind. Ich gebe mein Wissen und meine Erfahrungen in der Hoffnung weiter, daß Sie vielleicht versuchen werden, ein paar dieser Ideen umzusetzen, und daß Sie es auch dann weiter versuchen werden, wenn der neue Ansatz nicht sofort zu wunderbaren Ergebnissen führt (obwohl es das manchmal gibt).
Verstehen, Einsicht, Langzeitlernen
Beim RIE sähen wir gerne Samen. Wir möchten eine Orientierung anbieten, wie Sie sich durch die vielen sich widersprechenden und verwirrenden Ratschläge, die auf Eltern zukommen, hindurchfinden können; wie es ist, mit einem Neugeborenen zu leben, wie Sie Ihre räumliche Umgebung vorbereiten können, was Sie kaufen sollten und natürlich auch, was Sie nicht kaufen sollten. Wir sprechen darüber, was man von einem Neugeborenen und einem Säugling erwarten kann und wie das Unmögliche möglich werden kann: auf die Bedürfnisse eines Neugeborenen einzugehen, ohne daß Sie sich selbst dabei vollkommen verausgaben. Wir schauen darauf, wie man einen Dialog entwikkeln kann, wie man auf ein schreiendes Baby eingehen kann, auf Ihre Rolle, die Rolle des Babys usw.. Wir helfen Eltern zu verstehen, wie ein Baby lernt zu vertrauen, wie es Fertigkeiten und Kompetenzen entwickelt und wie man die Eigenschaften kennenlernt, die bei jedem Baby einzigartig sind. Wir sprechen darüber, wie Sie Ihrem Baby Ihre Erwartungen verständlich machen können, und auch darüber, worin diese Erwartungen, offene und verdeckte, bestehen. Zusammenfassend gesagt, wir pflanzen,,Samen von Eltern, die Vertrauen haben”.
Mein Ziel ist, daß Sie wirklich verstehen, was ich meine. Dann können Sie annehmen, was Ihnen gefällt, und ablehnen, was Ihnen nicht gefällt. Aber das ist es, was so schwierig ist, das Verstehen..
Es ist leicht, Rat zu geben, aber wenn guter Rat funktionieren würde, dann wären wir alle vollkommen. Ich erwarte nicht, daß Sie oder andere Eltern übermenschlich sind. Ich hoffe einfach, daß die Prinzipien des RIE langsam zu einem Teil Ihres Bewußtseins, Ihres Denkens und Ihres Handelns werden, und daß sie Ihnen schließlich, wenn Sie sie sich wirklich zu eigen gemacht haben, als Ihre eigenen inneren Maßstäbe dienen werden. Diese inneren Maßstäbe können Sie immer dann, wenn Sie in ungeeignete oder alte Verhaltensweisen geraten, sanft daran erinnern, es „noch einmal zu versuchen”, was bedeutet, das nächste Mal mit ein wenig mehr Geduld, Einfühlung und Empfindsamkeit anwesend zu sein..
Was wir zu vermitteln versuchen, ist die Qualität der Erfahrung eine Art in Beziehung zu treten, die in allen Alterstufen von Nutzen sein kann. Auf lange Sicht ist es unser Ziel, Eltern dabei zu helfen, daß sie

lernen, mit ihren Säuglingen und später mit ihren älteren Kindern zu leben und sie leben zu lassen. Eine solche Einsicht kann nicht gelehrt” werden. Langzeitlernen ist ein langsamer Prozeß. Er muß sich auf eine organische Weise einstellen es braucht Zeit, in der die Samen unseres Verstehens sprießen, wachsen, blühen und Früchte tragen können.
Und besonders für Eltern, die ein Kind erwarten, möchte ich hinzufügen: ich bin mir bewußt, daß Sie jetzt mit der Geburt Ihres Babys beschäftigt sind, und alles, was danach kommt, Ihnen vielleicht fern und unerreichbar erscheint. Dies ist jedoch die ideale Zeit, um sich mit einigen grundlegenden Ideen des RIE vertraut zu machen. Wenn Sie Eltern fragen würden, die erst später von dem Ansatz des RIE erfahren haben, dann würden sie Ihnen sagen, wieviel leichter es ist, von Anfang an gute Gewohnheiten zu entwickeln, als später „ungeeignete” Gewohnheiten aufzulösen und zu verändern..
Kleinkinder mit neuen Augen sehen
Obwohl es viele Organisationen, Kurse und Veröffentlichungen gibt, die die Pflege und Erziehung von Kleinkindern verbessern wollen, glauben wir, daß sich die Art und Weise, wie wir am RIE das Kind sehen, von ihnen unterscheidet.
Ich hoffe, daß Eltern, die dieses Buch lesen, diese Unterschiede .wertschätzen, wenn sie sehen, wie Kinder sich entwickeln und lernen, wenn sie sich ihrem eigenen Rhythmus entsprechend und auf ihre eigene Weise bewegen dürfen..
Ich hoffe, daß Eltern den Glauben aufgeben, daß ihre Kinder motorische Fertigkeiten nicht früh genug oder nicht gut genug entwickeln, wenn sie ihnen nicht helfen oder sie sie ihnen nicht beibringen. Ich hoffe, Eltern werden lernen, sich in Ruhe ihren Babys zuwenden und sie wahrzunehmen, und sich daran freuen, wenn sie sehen, wie dauernd neue Wunder geschehen. Ich hoffe, Kinder werden mit weniger Angst, mit mehr Selbstvertrauen und in größerer Sicherheit aufwachsen..
Wenn etwas von dieser Angst, der Wut und der Frustration vermieden werden könnte, könnte sich das vielleicht auf unsere ängstliche und wütende Gesellschaft auswirken? Hoffen wir das!
Educaring – Eine Verbindung der Worte, education’ (Erziehung) und, caring’ (Pflege)
Die Bedürfnisse von Kleinkindern und Eltern erfüllen
Was brauchen Kleinkinder wirklich, und wie können Eltern diese Bedürfnisse erkennen und erfüllen? Und was brauchen Eltern und wie können sie ihre eigenen Bedürfnisse erkennen und erfüllen?
Wenn Sie mit einigen grundlegenden Gedanken und Prinzipien des RIE vertraut werden, kann das Ihre schwierige Aufgabe als Eltern viel leichter und angenehmer machen. Der Ansatz des RIE ist überraschend einfach und entspricht dem gesunden Menschenverstand…
Die Art und Weise, wie wir einen Säugling pflegen, ist von größter Bedeutung für seine Entwicklung und prägt sein ganzes weiteres Leben. Um das zu betonen habe ich die Worte ,,Educarer“ und „Educaring” geprägt, um unsere Philosophie zu umreißen..
Die Grundlage des Ansatzes von RIE: Respekt
Wir respektieren Babys nicht nur, wir zeigen ihnen unseren Respekt jedesmal, wenn wir mit ihnen zu tun haben. Ein Kind respektieren bedeutet, auch den kleinsten Säugling als einen einzigartigen Menschen zu bhandeln, und nicht als ein Objekt.
Beim RIE zeigen wir zum Beispiel Respekt, indem wir ein Kind nicht hochnehmen, ohne es ihm vorher zu sagen, indem wir direkt zu ihm sprechen und nicht über es und indem wir auf die Antwort oder Reaktion des Kindes warten. Solch eine respektvolle Haltung trägt dazu bei, daß sich ein Kind zu einem authentischen Menschen entwickeln kann..
Unser Ziel: Ein authentisches Kind
Ein authentisches Kind ist ein Kind, das sich sicher, autonom und kompetent fühlt..
Wenn wir einem Kind helfen, sich sicher und wertgeschätzt zu fühlen und ihm das Gefühl geben ,,,jemand ist tief und wahrhaft an mir interessiert”, durch die Art und Weise wie wir einfach schauen und zuhören, dann beeinflussen wir die ganze Persönlichkeit des Kindes und die Weise, wie es das Leben sieht..
Vertrauen in die Kompetenz des Kindes
Wir haben das Grundvertrauen in das Kind, daß es ein Initiator ist, daß es ein Forscher ist, den es dazu drängt, das zu lernen, wofür er bereit ist.
Aufgrund dieses Vertrauens geben wir dem Kind nur soviel Hilfe, wie nötig ist, daß es sich daran freuen kann, seine eigenen Handlungen zu meistern.
Einfühlsame Beobachtung
Unsere Methode, die von Respekt für die Kompetenz des Kindes geleitet ist, ist die Beobachtung. Wir beobachten sorgfältig, um die Kommunikation des Kindes und seine Bedürfnisse zu verstehen.
Je mehr wir beobachten, um so mehr verstehen und schätzen wir die enorme Menge und Geschwindigkeit des Lernens, das während der ersten zwei oder drei Lebensjahre geschieht. Wir werden bescheidener, bringen den Kindern weniger bei und stellen stattdessen eine Umgebung, die Lernen ermöglicht, zur Verfügung.

Bei der Pflege: das Kind mit einbeziehen
Während der Pflege (Wickeln, Stillen oder Füttern, Baden, Anziehen usw.) ermutigen wir auch das kleinste Kind dazu, ein aktiver Teilnehmer zu werden statt eines passiven Empfängers dieser Aktivitäten. Eltern schaffen Gelegenheiten für Interaktion, Kooperation, Intimität und Freude aneinander, wenn sie während der Zeit, die sie ohnehin mit ihrem Kind verbringen, mit ganzem Herzen mit ihm zusammen sind. Durch solche angenehme Erfahrungen bei der Pflege, die nicht in Eile geschehen, sind die Kinder ,,gesättigt” und mit nur einem Minimum an Interventionen durch Erwachsene bereit, ihre Umgebung zu erforschen..
Eine sichere, anregende, zuverlässige Umgebung
Unsere Aufgabe besteht darin, eine Umgebung zu schaffen, in der ein Kind all die Dinge tun kann, die es von Natur aus tun möchte. Je zuverlässiger eine Umgebung ist, um so leichter ist es für Babys zu lernen.
Wenn die Kinder ihren Bewegungsradius erweitern, dann brauchen sie einen sicheren, angemessenen Raum, in dem sie sich bewegen können. Ihre natürliche, angeborene Lust sich zu bewegen sollte von der Umgebung nicht behindert werden..
Zeit für nicht unterbrochenes Spielen und Freiheit zu erforschen
Wir geben dem Kind eine Menge Zeit zum Spielen, das nicht unterbrochen wird. Statt zu versuchen, Babys neue Fertigkeiten beizubringen, wertschätzen und bewundern wir das, was sie wirklich tun..
Konsistenz
Wir setzen klar definierte Grenzen und vermitteln dem Kind unsere Erwartung, um so einen verlässlichen Rahmen zu schaffen, der dem Kind hilft, sich zu orientieren.
EDUCARING: Ein sicherer Anfang
Beim RIE lernen Eltern, wie die Rhythmen von Kind und Familie sich zu zuverlässigen Gewohnheiten entwikkeln und wie man sich an der „Zeit allein” und der „,Zeit zusammen” freuen kann..
Wenn Sie sich mit unseren Grundprinzipien identifizieren und ihnen zustimmen, können Sie sie nutzen, um innere Maßstäbe dafür zu entwickeln, wie Sie den vielen irritierenden Themen des Elternseins begegnen können.
Zeiten der Pflege: Mit voller Aufmerksamkeit beisammen sein
Was ein Kleinkind brauchtwas jeder Mensch möchte ist die Erfahrung der vollen, ungeteilten Aufmerksamkeit von Vater oder Mutter oder einem anderen Menschen, der für das Kind von Bedeutung ist. Aber niemand kann immer ganz aufmerksam sein.
Die natürliche Gelegenheit, mit ganzem Herzen mit Ihrem Kind zusammen zu sein, ist die Zeit, die Sie ohnehin zusammen verbringen – wenn Sie Ihr Baby versorgen. Nehmen Sie diese Zeiten der „,Pflege” als etwas ganz Besonderes, als die Zeit des „Auftankens” für Sie beide Zeit für intimes Zusammensein. Stellen Sie das Telephon ab, wenn Sie vorhaben, Ihr Baby zu füttern, zu baden oder zu wickeln, und sagen Sie Ihrem Kind: „Ich werde das Telephon abstellen, damit uns niemand stört, denn ich möchte jetzt wirklich nur mit Dir zusammen sein.” (Wenn Sie das sagen, bestärken Sie auch sich selbst.)
,,Kommen Sie zur Ruhe” in Ihrem Kopf und ,,kommen Sie zur Ruhe“ in Ihrem Körper. Seien Sie ganz da und für diese bestimmte Zeit nur an Ihrem Kind interessiert.
Ich glaube, daß es für jedes Kind gesund ist, wenn es dieses echte Interesse spürt.
Wenn für Sie die Zeit der Pflege eine besondere Qualität bekommt, werden Sie dadurch auch mehr Zeit haben, die Sie zusammen genießen können, und es wird ihrem Kind das Gefühl vermitteln, daß Sie Ihre Zeit zusammen wertschätzen, womit Sie Ihr Kind in seinem Wert als Person bestätigen. Nach solch intimen Momenten wird Ihr Kind Spaß daran haben, allein auf Forschungsreise zu gehen, wenn Sie eine geeignete Umgebung dafür vorbereitet haben.
Die folgenden Richtlinien sind mit der Absicht formuliert, alle Aktivitäten der Pflege angenehm, und die Zeit der Pflege zu einer Zeit mit besonderer Qualität und reich an unschätzbaren Lernerfahrungen zu machen:
• Bereiten Sie alles vor.
Schauen Sie, daß alle Dinge, die Sie brauchen bereit sind, bevor Sie auf das Kind zugehen, damit Sie nicht nach einer Windel, einem Löffel, einem Handtuch oder einem Kleidungsstück suchen müssen, was dann die Kontinuität Ihrer Zeit zusammen unterbrechen würde.
• Beobachten Sie, was das Kind tut.
Wenn es in einer Aktivität versunken ist, unterbrechen Sie es nicht, sondern warten Sie auf den passenden Moment, um auf es zuzugehen.
• Erklären Sie Ihrem Kind, was Sie tun werden.
Damit kann man in der frühen Säuglingszeit bei allen Interaktionen beginnen. Obwohl das Kind zuerst Ihre Worte nicht versteht, wird es bald anfangen, Ihre Laute und den Klang Ihrer Stimme mit Ihren Gesten und Handlungen zu assoziieren, und seine Vorfreude auf eine angenehme Zeit zusammen mit seinen Eltern wird wachsen.

• Sprechen Sie mit dem Kind.
Wenn Sie die Aufmerksamkeit des Kindes geweckt haben, dann sagen Sie ihm, daß Sie etwas zusammen machen wollen. Nehmen Sie ihm Spielzeug oder andere Dinge sanft aus der Hand,
erklären Sie, was Sie tun, und sagen Sie ihm, daß Sie es jetzt hochnehmen möchten. Strecken Sie Ihre Arme aus und warten Sie auf eine Reaktion. Nehmen Sie Ihr Kind nicht unerwartet oder von hinten hoch. Beginnen Sie damit auch schon bei sehr kleinen Kindern, die zuerst vielleicht noch keine sichtbare Reaktion zeigen. Es hilft, einen Stil wechselseitiger Kommunikation zu fördern, der das Kind respektvoll miteinbezieht.
• Erklären und zeigen Sie Ihrem Kind Schritt für Schritt, was Sie tun.
Erlauben Sie Ihrem Kind, dem Prozeß zu folgen und sich an ihm zu beteiligen, Blickkontakt aufzunehmen, Ihr Gesicht zu studieren, sich zu artikulieren, Spiele anzuregen, Ihren Handlungen zu folgen und auf Sie zu reagieren, und erlauben Sie sich, auf das Kind zu reagieren.
• Werden Sie langsam.
Damit Ihr Baby Zeit hat, wirklich teilzunehmen, sollte alles, was Sie tun, verlangsamt werden“.
• Seien Sie ganz aufmerksam.
Immer wenn Sie mit der Pflege beschäftigt sind, tun Sie es absolut mit voller Aufmerksamkeit. Wenn Sie die ganze Zeit nur mit halber Aufmerksamkeit dabei sind, dann ist das nie die volle Aufmerksamkeit. Babys sind dann immer halb hungrig nach Aufmerksamkeit. Aber wenn Sie einen Teil der Zeit ganz aufmerksam sind, dann ist das schon sehr viel. Folgendes würde ich empfehlen: Seien Sie mit einem Kind ganz zusammen und lassen Sie es dann eine Weile für sich.
Diese Richtlinien sind allgemein, aber wenn Ihr Kind heranreift, werden Sie sehen, daß Sie sie immer wieder an das Alter und die Entwicklungsstufe Ihres Kindes anpassen müssen. Es wird notwendig werden, daß Sie ein Gefühl für Ihren eigenen Interaktionsstil bekommen und sensibel für Ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten werden. Die sozialen Interaktionen von Kind und Eltern sind voll von Unerwartetem, voller neuer Freuden und neuer Herausforderungen.
Von Anfang an haben wir versucht, Julia vorher wissen zu lassen, was wir mit ihr tun wollten, bevor wir es dann taten. Obwohl wir an die Bedeutsamkeit einer respektvollen Beziehung mit Julia glaubten, hatten wir die Kraft dieser Art Kommunikation nicht erwartet. Wir lernten schnell, daß Worte nicht unser einziges Mittel waren, Julia mitzuteilen, was als nächstes kam. Ein Klopfen an ihre Tür, eine Berührung ihrer Hand oder ihres Fußes, Augenkontakt oder die Bewegung unserer Hände vermittelten Julia eine Botschaft. Wenn die Botschaft langsam kam und einer Handlung unmittelbar vorherging, dann fing sie an, unsere nachste Bewegung oder Handlung vorwegzunehmen.
Julias Empfänglichkeit für unsere Mitteilungen wäre nicht möglich gewesen, wenn wir ihr nicht Zeit gegeben hätten zu reagieren. Wir waren beide entschlossen, Magdas Rat zu befolgen und mit Julia langsamer zu werden, aber zuerst war uns nicht klar, wie langsam „langsam” sein würde. Auch wenn wir dachten, wir wären langsam, sah Julia manchmal ein bißchen durcheinander aus. Wenn wir unser „,langsames Tempo” dann langsamer machten, beruhigte sie sich und war wieder ganz bei der Sache.
Die Wirkung respektvoller Kommunikation wurde bei gewohnten Handlungen am spürbarsten. Wenn wir Julia zum Beispiel umziehen wollten, machten wir das ganz bewußt und ließen sie jeden einzelnen Schritt wissen. Bevor wir ihren Arm durch einen Ärmel schoben, berührten wir sie und sagten ihr in einfachen Worten, was nun geschehen würde. Während der ersten Wochen schaute sie zur Seite, wenn sie umgezogen wurde, aber trotzdem war sie anscheinend aufmerksam. Dann fing sie an, uns während des Umziehens anzuschauen, und beobachtete jede unserer Handlungen.
Bald fing sie an, mit kleinen Bewegungen teilzunehmen. Sie hob einen Arm, wenn es Zeit war, ihn aus einem Ärmel zu ziehen. Julias wachsendes Interesse und ihre Beteiligung beim Umziehen machte dies zu einem der schönsten Momente mit ihr. Auch wenn sie zerstreut war, beruhigte sie sich, und wurde aufmerksam, wenn einer von uns sie zu dem Tisch brachte, wo sie umgezogen wurde. Ihre Großmutter, die Julia zum ersten Mal sah, als sie neun Wochen alt war, bemerkte, daß sie noch nie ein Baby gesehen hatte, das soviel Freude zeigte, wenn es umgezogen wurde. Einmal, als Julia ziemlich aufgeregt war, schlug ihre Großmutter im Spaß vor, sie umzuziehen, um ihr zu helfen, sich zu beruhigen. Und tatsächlich, sobald einer von uns Julia hatte wissen lassen, daß wir sie zum Tisch zum Umziehen bringen wollten, wurde sie ruhig und aufmerksam.
Respektvolle Kommunikation hat auch zur Freude ihrer Mutter, Mimi, Über Lehren und Lernen am Stillen beigetragen. Wenn es Zeit wurde, die Seiten zu wechseln, sagte Mimi immer zu Julia, daß sie ihr Saugen an der Brust unterbrechen würde, wartete ein paar Momente und berührte dann leicht mit ihrem Finger Julias Lippen. Nach ein paar Wochen fing Julia an, sich von allein von der Brust zu lösen, wenn Mimi ihr sagte, es sei Zeit, die Seiten zu wechseln.
Der Rahmen, den ich vorgestellt habe, ist offen genug, in seiner Struktur Raum zu lassen, damit Sie mit Ihrem Kind wachsen, improvisieren und spontan auf unerwartetes Verhalten reagieren, und auf Ihr Kind als Individuum eingestellt und sich seiner bewußt bleiben können. Dieser personalisierte” Ansatz der Pflege unterstützt die Entwicklung von Selbstvertrauen, von Körperbewußtheit und von sozialer Aufmerksamkeit und die Fähigkeit eines Kindes zu antworten. Er ermutigt ein Kind auch bei dem schwierigen, aber entscheidenden und aufregenden Ringen um Autonomie.
Ein Kind, dem erlaubt wird, aktiv am Prozeß seiner Pflege teilzunehmen, wird ermutigt, ein selbständiges Kind zu sein, das sich seiner Bedürfnisse bewußt ist und sich für deren Befriedigung einsetzt, wenn es älter wird.

Über Lehren und lernen
Ein Kleinkind lernt immer. Beim RIE glauben wir, daß Babys nichts beigebracht werden sollte, weil dies gewöhnlich das Lernen behindert. Je weniger wir in den natürlichen Prozess des Lernens eingreifen, um so mehr können wir beobachten, wieviel Kinder die ganze Zeit über lernen.
Kleinkinder lernen ständig, indem sie aufnehmen, herausfinden, entdekken, integrieren und die wirkliche Welt um sich herum organisieren. Wissen, das auf diese Weise gewonnen wird, wird ihnen in ihrem täglichen Leben am besten dienen.
Wenn Menschen nur dem Plan der Natur vertrauen würden, wie Babys geschaffen werden, dann könnten sie gelassen sein und sich an all den täglichen Wundern ihrer natürlichen Entwicklung erfreuen.
Was sollte man lehren? Warum?
Eltern sind die ersten und die wichtigsten Lehrer ihrer Kinder. Ich weiß auch, wie sehr Eltern durch Bücher, Zeitungsartikel, das Fernsehen oder durch andere Eltern unter Druck geraten, etwas zu tun, um Lernen bei ihren Kindern zu stimulieren.
Wir sind der Überzeugung, daß Kinder immer das tun, was sie tun können, was sie tun wollen, zu dem sie von innen her gedrängt werden. Wie können Erwachsene es wagen zu glauben, sie wüßten, was ein Kind in einem bestimmten Moment bereit ist zu lernen? Die meisten Menschen wollen Kindern beibringen, was sie sowieso wissen oder lernen würden. Lernen durchschnittliche, normale Kinder in einer durchschnittlichen Umgebung, die ,,gut genug” ist, nicht etwas über Farben, über Formen, über Ein und Aus? Warum sollte man es ihnen beibringen, wenn sie diese Begriffe so gut in einer alltägli chen Umgebung mit aufmerksamen Eltern lernen? Jean Piaget hat es schön ausgedrückt: Wenn Sie einem Kind etwas beibringen, dann nehmen Sie ihm für immer die Chance, es selbst zu entdecken.
Wann immer Sie ein Kind davon abhalten zu tun, was es von Natur aus tun könnte und würde, dann sagen Sie dem Kind meiner Ansicht nach: „Ich weiß, was gut für Dich ist.” Aber Sie, der Erwachsene, wissen es nicht. Zum Beispiel gehen die meisten Kinder (nicht alle), wenn sie zum ersten Mal eine Treppe hinunterwollen, mit dem Kopf voran sie möchten sehen, wo es hingeht. Manche Leute sagen, es sei für Kinder sicherer, rückwärts die Treppe hinunterzukrabbeln, und sie bringen Kindern bei, wie man das macht. Das Kind kann dann verwirrt werden, weil sein Körper ihm das eine sagt und der Erwachsene etwas anderes, und dann wird es vielleicht hinfallen.
Die Weise, wie ein Baby sich auf natürliche Weise bewegt, wenn es tut, was sich für seinen Körper in einem bestimmten Moment richtig anfühlt, ist immer das Sicherste.
Wenn Sie einem Kind etwas beibringen, für das es nicht bereit ist, dann kann es das Gefühl bekommen: „Ich weiß nicht genau, was von mir erwartet wird, aber was ich auch mache, es wird nicht geschätzt.”
Ich frage mich, ob Eltern klar ist, daß die Zeit, die darauf verwendet wird, ihrem Kind etwas beizubringen, ihm Zeit dafür nehmen kann, zu lernen, was wirklich relevant ist.

Freie Bewegung, freies Spielen
Wir lehren Kinder nicht, wie sie sich bewegen sollen, weil wir glauben, daß jedes Baby dies viel besser weiß. Wir greifen nicht in ihr Spiel ein. Wir mischen uns nicht dabei ein, wenn sie etwas von dem verfügbaren Material auswählen. Das sind Gebiete, bei denen wir beim RIE ganz entschieden sagen: „,Hände weg.” Wir sind immer daran interessiert zu wissen: „Wofür würde dieses Kind sich jetzt entscheiden, wenn man ihm nicht etwas anderes beigebracht hätte?”
Kleine Kinder sind Forscher und Initiatoren. Sie lernen trotzdem, was wir ihnen beibringen. Eine sichere Umgebung, in der das Baby sich bewegen und forschen kann, ermöglicht die Art der Lernerfahrung, von der das Kind am meisten profitiert. Wenn Kleinkinder genug Raum, sicheren Raum haben, dann werden sie genau die Bewegungen machen, für die sie bereit sindweil sie die Gelegenheit dazu haben.
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Wenn wir Kleinkinder beobachten, dann sieht es eher so aus, als würden sie arbeiteten, als daß sie spielten: sie sind ganz bei der Sache, absorbiert von dem, was sie gerade tun. Wir brauchen keine Übungen für sie zu erfinden. Sie lernen ihren Instinkten zu folgen und ihrem eigenen Urteil zu vertrauen.
Kinder erlangen ihre Fertigkeiten durch endloses Wiederholen, dadurch, daß sie dieselbe Aktivität immer wieder machen, wenn Erwachsene schon längst das Interesse verloren haben. Wenn ein Kind eine Handlung viele, viele Male wiederholt, dann spürt es keine Langeweile. Vielmehr lernt es gründlich, was mit der Handlung zu tun hat, macht sie zu einem Teil von sich und seiner Welt. Wenn es etwas zu seiner eigenen Befriedigung gelernt hat, dann geht es zu einer anderen neuen Aktivität über.
Beim Spielen arbeiten Kinder ihre Konflikte mit Objekten, anderen Kindern und Erwachsenen durch. Spiel verschafft ein Ventil für Neugier, Informationen über die physische Welt und eine sichere Möglichkeit, mit Ängsten und sozialen Beziehungen umzugehen. Auf lange Sicht dient Spielen den inneren Bedürfnissen, Hoffnungen und Wünschen von Kindern.
Über das tägliche Leben lernen
Was sollten Kinder wirklich von ihren Eltern lernen? Wenn Eltern dem Kind erzählen, was sie tun, dann lernt das Baby etwas über die reale Welt um sich herum. Babys müssen die wichtigsten Dinge in ihrem Leben lernen-wer sie sind, wie man kommuniziert, was Mama oder Papa glücklich macht oder sie aufregt. Lehren ist nicht eine abgetrennte Funktion.
Es ist eine Erfahrung
des alltäglichen Lebens. Das Beste, was man ein kleines Baby lehren kann, ist das tägliche Leben.
Über seine Bedürfnisse: ,,Du hast wohl Durst. Möchtest Du dies trinken?”
Über das, was ihm gehört: ,,Ziehen wir mal Dein Hemd an. Bist Du soweit, daß Du Deinen Arm in den Ärmel stecken kannst?”
• Über Ihre Sorge:,,Die Straße ist nicht sicher. Ich kann Dich nicht hinter Deinem Ball herlaufen lassen.”
Was Eltern lehren, sind sie selbst, als Modelle dessen, was menschlich ist durch ihre Stimmungen, ihre Reaktionen, ihren Gesichtsausdruck und ihre Handlungen. Das sind die wirklichen Dinge, derer Eltern sich bewußt sein müssen, und dessen, wie sie auf ihre Kinder wirken. Erlauben Sie ihnen, Sie zu kennen, dann wird es für sie vielleicht leichter, etwas über sich selbst zu lernen.
Auszug aus dem Buch von Magda Gerber Dein Baby zeigt Dir den Weg, Mit Kindern wachsen Verlag